Bewerbungen mit KI: Was funktioniert, was schiefgeht, und die eine Regel, die alles entscheidet
Aus einer Stellensuche wurde ein Werkzeugkasten: Lebenslauf und Bewerbungsschreiben aus versionierbaren Datendateien, dazu ein Regelwerk gegen erfundene Erfahrung. Ein Erfahrungsbericht.
Ich habe in den letzten Monaten eine Stelle gesucht und dabei etwa zwanzig Bewerbungen geschrieben. Nicht von Hand, sondern mit einem Sprachmodell als Gegenüber. Was dabei entstanden ist, ist weniger ein Trick als ein Werkzeugkasten — und eine Erkenntnis, die mich einiges an Nerven gekostet hat.
Die kurze Fassung: KI schreibt hervorragende Bewerbungen, die zur Hälfte gelogen sind, wenn man sie lässt. Der ganze Aufwand steckt darin, sie nicht zu lassen.
Den Code gibt es am Ende des Artikels.
Warum überhaupt Werkzeuge
Der erste Reflex ist, das Sprachmodell einfach den Brief schreiben zu lassen. Das funktioniert genau einmal. Ab der dritten Bewerbung merkt man:
- Jeder Brief klingt gleich, weil das Modell denselben Rhythmus produziert.
- Jeder Brief klingt nicht nach mir, sondern nach LinkedIn.
- Die Word-Datei sieht nach jedem Durchgang minim anders aus.
- Und man merkt erst beim dritten Lesen, dass da Erfahrung steht, die man nie gemacht hat.
Also habe ich die Sache umgedreht. Nicht das Modell erzeugt das Dokument, sondern ein Generator. Das Modell liefert nur den Text, und zwar unter Regeln.
Der Aufbau
Zwei Dokumente, zwei Werkzeuge, eine gemeinsame Bildsprache.
Der Lebenslauf entsteht aus einer JSON-Datei und wird von einem Node-Skript zu einer Word-Datei gebaut. Word deshalb, weil viele Bewerbungsportale es verlangen und weil man es notfalls selber nachbessern kann. Das Layout ist einspaltig und maschinenlesbar, die Datumsspalte läuft über randlose Tabellen, die zeilenweise gelesen Sinn ergeben.
Das Anschreiben entsteht aus einer Python-Datei und wird direkt als PDF gezeichnet: klassischer Geschäftsbrief, Empfänger auf 95 Millimeter eingerückt, Betreff in Braun mit einer feinen Sandlinie darunter, die eingescannte Unterschrift leicht über den gedruckten Namen ragend.
Beide teilen ein Farbschema — Sandton, Braunton, eine Linienstärke — ohne gleich auszusehen. Der Lebenslauf darf ein Gestaltungsobjekt sein, der Brief bleibt ein Brief.
Der eigentliche Gewinn: jede Bewerbung ist eine Datei. Ich kann sie versionieren, vergleichen, zwei Monate später nachvollziehen. Und wenn ich am Layout etwas ändere, ändert es sich in allen Dokumenten gleichzeitig.
Der Fehler, um den sich alles dreht
Jetzt zum interessanten Teil.
Ich habe dem Modell mein kaufmännisches CV gegeben und ein Inserat für eine Stelle im Schulsekretariat. Auftrag: passe das CV an. Das Ergebnis las sich ausgezeichnet. In meiner Berufserfahrung stand plötzlich:
Schalter- und Telefonzentrale-Funktion im Erstkontakt
Ich habe nie an einem Schalter gearbeitet. Im Inserat stand «Bedienen der Telefonzentrale» und «Support am Empfang» — und das Modell hatte aus der Anforderung eine Erfahrung gemacht.
Das ist kein Ausrutscher, das ist der Normalfall. «Passe das CV an diese Stelle an» liest sich für ein Sprachmodell wie «mache die beiden Texte ähnlicher». Es hat keinen Begriff davon, dass die eine Seite ein Wunsch und die andere eine Tatsache ist.
Dieselbe Sorte Fehler in Varianten, die mir alle passiert sind:
| Was ich wirklich gemacht habe | Was daraus wurde |
|---|---|
| Kundenbetreuung via Telefon und E-Mail | Schalter- und Telefonzentrale |
| Bestellungen erfasst | Gesuchsbearbeitung |
| Stammdatenpflege | Klientendossiers geführt |
| — | «Excel mit SVERWEIS und Pivot-Tabellen» |
Die letzte Zeile ist die schlimmste. Da hatte das Modell schlicht Kenntnisse erfunden, die in einem kaufmännischen Profil plausibel klingen. Wäre das durchgegangen, hätte ich im Vorstellungsgespräch eine Excel-Funktion erklären müssen, von der ich noch nie gehört habe.
Das Perfide daran: Diese Sätze fallen beim Lesen nicht auf. Sie klingen besser als die Wahrheit. Genau deshalb muss man systematisch danach suchen.
Die Regel
Daraus ist ein Regelwerk entstanden, das inzwischen ganz oben in meinem Projektdokument steht — noch vor allen Layoutfragen:
Jede Aussage muss aus meinen eigenen Unterlagen oder meinen eigenen Worten stammen. Die Stellenanzeige ist keine Quelle. Anpassen heisst auswählen, umsortieren und weglassen, nicht neue Punkte schreiben.
Der entscheidende Halbsatz ist der letzte. Er ist überprüfbar: Wenn eine Formulierung im Quell-Lebenslauf nicht vorkommt, ist sie verdächtig. Das kann ich Zeile für Zeile durchgehen, auch spätabends.
Dazu kommen vier Präzisierungen, die ich schmerzhaft gelernt habe:
Keine Synonym-Aufwertung. Der subtilste Verstoss. Dieselbe Tätigkeit im Vokabular der Zielbranche zu beschreiben ist erlaubt. Sie in eine andere Tätigkeit umzubenennen nicht.
Werkzeuge nur mit Beleg. Kein Programm nennen, das man nicht benutzt hat.
Lücken bleiben Lücken. Jedes Profil erfüllt nicht alle Anforderungen. Der richtige Umgang ist, sie wegzulassen — nicht, sie zu erfinden.
Und auch nicht verneinen. «Eine Ausbildung als X bringe ich nicht mit, dafür …» schwächt den Brief nur. Was fehlt, prüft die Gegenseite ohnehin selbst. Auch das hatte ich erst falsch gemacht.
Damit es nach mir klingt
Das zweite Problem ist der Ton. Ein Sprachmodell schreibt Bewerbungsdeutsch: Dreierketten aus Adjektiven, Doppelpunkte zur Enthüllung, in jedem Absatz ein Gedankenstrich, und am Schluss der Satz, der «mein Profil abrundet».
Die Lösung war eine Stilvorlage — ein Dokument, das meine eigene Stimme festhält. Das Wichtigste darin ist nicht die Regelliste, sondern eine Stimmprobe: ein Absatz über meine Arbeit, von mir selbst geschrieben, ohne Politur. Der ist der Massstab. Klingt ein Entwurf anders, ist der Entwurf falsch.
Dazu die Beobachtungen, woran man generierten Text erkennt, und ein Kurzcheck vor dem Versand. Der letzte Punkt darin lautet schlicht: laut lesen.
Ein Detail, das sich als überraschend wirksam erwiesen hat: Die eigenen, leicht ungelenken Formulierungen bleiben stehen. Ich hatte in einem Brief «die perfekte Combo zwischen IT und KV» geschrieben. Sprachlich ist das nicht elegant. Aber es klingt nach einem Menschen, und das wiegt mehr.
Und noch etwas: Als ich das Modell später meine vier zuletzt verschickten Briefe lesen liess, statt nur die abstrakte Stilvorlage, wurde der nächste Entwurf spürbar besser. Beispiele schlagen Regeln.
Was sich als brauchbar erwiesen hat
Belege statt Adjektive. Statt «hohes Qualitätsbewusstsein» steht in meinen Briefen eine Auszeichnung mit der Erklärung, dass sie an höchstens fünf Prozent der Mitarbeitenden geht. Die Zahl macht die Arbeit, nicht das Eigenschaftswort.
Das Inserat gibt die Reihenfolge vor, nicht der Lebenslauf. Vor dem Schreiben die Aufgabenpunkte des Inserats auflisten. Der wichtigste trägt den ersten Absatz. So liest die Gegenseite ihre eigene Ausschreibung wieder.
Adressen und Namen recherchieren, nicht raten. Klingt banal. Ich hatte einmal eine plausible Adresse im Brief stehen, die schlicht falsch war.
Rund 200 Wörter. Länger liest niemand. Kürzen heisst streichen, nicht verdichten — ein zusammengeschobener Nebensatz ist schlechter als ein weggelassener Gedanke.
Die Rollenzeile beschreibt dich, nicht die Zielstelle. «Kaufmännischer Sachbearbeiter mit IT-Kompetenz» ist richtig. Den Titel der Ausschreibung dort hineinzuschreiben, obwohl man den Beruf nie ausgeübt hat, ist keine Anpassung, sondern eine Behauptung.
Jedes Dokument vor dem Versand als Bild anschauen. Klingt übertrieben, hat mir aber mehrfach verrutschte Unterschriften und zerschossene Umbrüche erspart.
Ein Wort zur Word-Datei
Eine Nebenerkenntnis, die vielleicht jemandem hilft: Wenn eine Word-Datei auf einem fremden Rechner zerfällt, liegt es fast nie an der Word-Version. Es liegt an einer fehlenden Schrift. Die Vorlagen aus meinem Bewerbungskurs benutzten eine Schrift, die auf keinem Standard-Windows installiert ist — entsprechend sah alles verschoben aus.
Die Lösung heisst Schriften einbetten. Word kann das, und wer die Datei programmatisch erzeugt, kann die Schriftdateien direkt hineinschreiben. Im Repository liegt ein Skript dafür.
Ehrlich zum Aufwand
Das hier ist kein «KI schreibt deine Bewerbung in 30 Sekunden»-Artikel. Die erste brauchbare Fassung eines Briefes entsteht schnell. Danach kommen aber drei bis fünf Runden, in denen ich streiche, was erfunden ist, was nach Maschine klingt oder was mich kleiner macht, als ich bin.
Unter dem Strich bin ich schneller als von Hand — vor allem, weil Layout, Schriften und Struktur nie wieder Arbeit machen. Aber der Gewinn liegt nicht im Tempo. Er liegt darin, dass zwanzig Bewerbungen dieselbe Qualität haben und ich bei jedem Satz sagen kann, worauf er beruht.
Der Code
Der Werkzeugkasten liegt auf GitHub, mit Beispieldaten einer erfundenen Person, damit man ihn direkt ausprobieren kann:
Drin sind der Brief-Generator (Python, nur ReportLab als Abhängigkeit), der Lebenslauf-Generator (Node), das Skript zum Einbetten der Schriften und vor allem die Dokumentation: das Regelwerk gegen erfundene Erfahrung, eine Vorlage für die eigene Stilvorlage und die Notizen zur Lesbarkeit für Bewerbermanagementsysteme.
Was man dafür braucht. Ehrlicherweise: das ist kein fertiges Programm, sondern zwei Skripte. Vorher installiert sein müssen Python mit ReportLab und Pillow für den Brief, Node.js für den Lebenslauf, die beiden Schriftfamilien Carlito und Montserrat, und Word oder LibreOffice — der Lebenslauf ist eine Word-Datei, und ohne eines der beiden lässt er sich weder ansehen noch korrigieren noch in ein PDF wandeln, das die meisten Bewerbungsportale am Ende verlangen.
Die Schriften sind dabei keine Kosmetik. Fehlt Carlito, bricht der
Brief-Generator ab. Fehlt Montserrat, entsteht trotzdem eine Datei, nur
ersetzt Word die Schrift stillschweigend und das Layout verschiebt sich —
derselbe Fehler, von dem weiter oben schon die Rede war. Die vollständigen
Installationsbefehle für Windows, Linux und macOS stehen im Repository unter
docs/setup.md.
Wer nur eine Sache mitnehmen will, nimmt diese: Gib dem Sprachmodell deine Regeln, bevor du ihm deine Daten gibst — und lies trotzdem gegen.